Ein letzter Wunsch ...

Die medizinische Fußpflegerin Martina Henneberger engagiert sich neben ihrer Tätigkeit im Studio zusätzlich noch in Altenheimen und in einem Hospiz.

© Martina Henneberger

Es bereitet mir viel Freude, wenn ich Menschen mit meiner Fußpflege helfen und ihnen die Schmerzen nehmen kann“, sagt Martina Henneberger und lächelt zufrieden. Dass die heute 54-Jährige überhaupt eine Ausbildung zur Kosmetikerin und medizinischen Fußpflegerin absolviert hat, verdankt sie ihrem Mann. Vielleicht spürte er die innere Unzufriedenheit seiner Frau, vielleicht ahnte er aber auch, dass Martina Henneberger beruflich bisher noch nicht das Richtige für sich gefunden hatte.

Blick von außen

Manchmal ist es tatsächlich der neutrale, unvoreingenommene Blick von außen, der einem Perspektiven aufzeigt, die man selbst nie in Erwägung gezogen hätte. „Mein Mann wusste, dass ich gern mit Menschen zusammenarbeite, und riet mir zu einer Ausbildung als Fußpflegerin. Das lehnte ich zunächst strikt ab. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, die Füße fremder Menschen zu berühren.“ Schließlich gab sich Martina Henneberger doch einen Ruck und machte eine Ausbildung zur medizinischen Fußpflegerin in Köln. „In der Zeit habe ich auch viel über mich selbst gelernt. Ich spürte schon bald, wie sehr mich die Fußpflege erfüllt, wie viel es mir bedeutet, wenn ich Beschwerden lindern kann, und wie schön es ist, den Kunden ein Stück Lebensqualität zu schenken.“

Anruf aus dem Hospiz

Nach der Ausbildung machte sich Martina Henneberger mit einem Homestudio in Wiehl, rund 60 Kilometer östlich von Köln, selbstständig. Gleichzeitig bot sie ihre Dienstleistungen auch in zwei Pflegeheimen an. Dann kam der Telefonanruf aus dem örtlichen Johannes-Hospiz Oberberg, der ihrem beruflichen Tun eine unerwartete Neuausrichtung geben sollte. Es war eine Anfrage der Hospizleitung. Die Fußpflegerin der Einrichtung war schon seit längerer Zeit krankheitsbedingt ausgefallen. „Man fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, den Menschen im Hospiz die Füße zu machen“, erinnert sich Martina Henneberger. Sie sagte zu, auch wenn sie sich alles andere als sicher war, ob sie diese Aufgabe emotional aushalten könnte. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Fußpflegerin das Hospiz zum vereinbarten Termin mit Angst und Schweißausbrüchen betrat. „Ich wusste ja nicht genau, was mich erwartet.“

Zusammen geweint

An ihre erste Kundin, eine Frau Ende 40, kann sich Martina noch gut erinnern. „Ich kam in das Zimmer und sah die Frau in einem Sessel sitzen. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, machte ich mich an die Arbeit. Schon bald begann die Frau, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie fing an zu weinen, und auch mir kamen die Tränen. Nach der Behandlung sollte ich die Rechnung an ihre Mutter schicken. Abends machte ich die Rechnung fertig und schickte sie ab. Später erfuhr ich dann, dass sie noch in der gleichen Nacht gestorben war. Das war sehr schlimm für mich ...“, schildert die Fußpflegerin. Wenige Tage danach ein weiteres, prägendes Erlebnis. Ein junger Mann lag im Sterben und wünschte sich noch eine Fußpflege. „Man hatte mir vorab gesagt, dass es durchaus sein könnte, dass der Kunde während der Behandlung stirbt.“ Auf dem Weg zum Hospiz gingen Martina Henneberger viele Gedanken durch den Kopf.

Eine letzte Fußpflege

Was sollte sie tun, wenn der Kunde tatsächlich während der Behandlung sterben würde? So absurd es auch im ers­ten Moment klingen mag, Martina Henneberger fasste für sich den Entschluss, die Fußpflege auf jeden Fall zu beenden. „Es war doch sein größter Wunsch“, erklärt die Fußpflegerin bewegt. Kurz nach Beginn ihrer Tätigkeit im Hospiz entschloss sich Martina Henneberger, ihre Behandlungen in der Einrichtung ehrenamtlich anzubieten.
Neben Hautveränderungen an den Füßen infolge von Chemotherapie oder Bettlägerigkeit hat es die Fußpflegerin oft auch mit Hühneraugen und eingewachsenen Fußnägeln zu tun. „Im Hospiz versuche ich noch vorsichtiger und behutsamer zu arbeiten, als ich es ohnehin schon tue. Ich möchte den Menschen dort nicht noch mehr Schmerzen bereiten, als sie ohnehin schon haben“, betont sie.

Abseits der Hektik

Für Martina Henneberger steht bei der Fußpflege das Wohlbefinden im Vordergrund. Besonders angenehm findet sie die auffallend ruhige Atmosphäre, die im Hospiz herrscht und im deutlichen Gegensatz zur oftmals hektischen Außenwelt steht. Das Hospiz wirkt eher wie eine Pension als ein Krankenhaus. „Hier geschieht alles mit viel Ruhe. Alles dreht sich um die Menschen, die hier ihre letzte Zeit verbringen. Auch die Fußpflege dauert länger. Wenn der Kunde ein Fußbad wünscht, dann bekommt er es auch.
Wichtig sind auch die persönlichen Gespräche, die unweigerlich aufkommen.“ Im Laufe der letzten Jahre hat sie für sich einen Weg gefunden, mit der extremen emotionalen Situation im Hospiz umzugehen. „Ich habe immer gemischte Gefühle, wenn ich mich auf den Weg mache, aber die Angst habe ich mittlerweile verloren. Es ist ja ganz ähnlich wie im Seniorenheim. Die Menschen sind nun mal alt oder krank, sodass es einfach in der Natur der Sache liegt, dass sie beim nächsten Besuch vielleicht nicht mehr da sind“, sagt die Fußpflegerin nachdenklich.

Familie stärkt ihr den Rücken

Emotionalen Rückhalt erfährt sie durch ihre Familie, aber auch durch ihren Lebenspartner. Mit ihm kann sie über ihre Gefühle und Erlebnisse sprechen. Doch es gibt auch schöne Momente im Hospiz, die Martina Henneberger immer wieder in ihrem Tun bestätigen. Ja, manchmal geht es in der Einrichtung sogar recht lustig zu. Viele der Menschen, die noch einigermaßen fit sind und denen sie auf den Fluren begegnet, haben auch mal einen flotten Spruch oder eine witzige Bemerkung parat.

Engelsglöckchen

Mit einem Lächeln denkt sie hin und wieder an einen mittlerweile verstorbenen Kunden, der immer, wenn sie ihn zur Fußpflege auf dem Zimmer besuchte, zuerst an seinen Schrank trat und ein Engelsglöckchen läutete. „Das tat er immer mit den Worten: ,Das Glöckchen muss ich jetzt läuten für Sie, damit Sie lange leben und beschützt werden.’“
Die ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz hat Martina Hennebergers Denken nachhaltig geprägt. Nicht nur, dass sie für sich einen Weg gefunden hat, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Sie stellt auch fest, wie undankbar manche Studio-Kunden sind, die über das Älterwerden lamentieren, anstatt froh zu sein, dass sie noch gesund und fit sind.
Angesichts des beachtlichen Arbeitspensums, dem sich die Fußpflegerin stellt, ist eine durchdachte Struktur unabdingbar. Martina Henneberger arbeitet im Wechsel eine Woche im Studio, eine Woche im Seniorenheim. Die Hospiztermine werden kurzfristig eingeschoben. „Wenn ich angerufen werde, schaufle ich mir Zeit frei, damit ich noch am gleichen Tag hingehen kann, notfalls abends nach Feierabend. Die Leute im Hospiz haben keine Zeit, sie können nicht warten“, erklärt die Fußpflegerin ihr Tun.

Verständnisvolle Kunden

Bei ihren Studio-Kunden stößt sie dafür größtenteils auf Verständnis. „Viele finden es schön, dass ich mich im Hospiz engagiere. Es gibt aber auch Kunden, die nur schwer akzeptieren können, dass ich dort ehrenamtlich arbeite. Das finde ich furchtbar.“ Martina Henneberger engagiert sich auch für Menschen, denen die finanziellen Mittel für eine Fußpflege-Behandlung fehlen. Ob das nun die betagte Dame ist, die trotz ihres Alters noch drei Putzstellen hat, um finanziell über die Runden zu kommen, oder ein Bewohner des Seniorenheims, die 54-Jährige nimmt sich für ihre Kunden Zeit, auch wenn sie manchmal statt Geld ein Glas Marmelade bekommt. „Ich wünschte, es gäbe noch viel mehr Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu engagieren.“

Überzeugte Einzelkämpferin

Auch wenn die Nachfrage groß ist, möchte Martina Henneberger doch Einzelkämpferin bleiben. „Ich arbeite montags bis freitags von 8 Uhr bis 20 Uhr und samstag bis 12 Uhr 30. Dabei nehme ich mir für jeden Kunden eine Stunde Zeit, anders könnte ich meine Arbeit nicht tun, sonst würde meiner Meinung nach das Menschliche auf der Strecke bleiben“, findet sie. Das ausgeprägte Engagement der Fußpflegerin hat sich im Lauf der Zeit herumgesprochen. Immer wieder bekommt sie Anfragen, ob sie nicht auch in anderen Einrichtungen als Fußpflegerin tätig werden könnte. Aktuell musste sie einem ambulanten Dienst, der Schwerstkranke zu Hause betreut, schweren Herzens eine Absage erteilen. „Die eineinhalbstündige Anfahrt wäre zu weit gewesen. Außerdem denke ich, dass ich mit meiner Fußpflegearbeit im Studio, in den Heimen und im Hospiz wirklich ausgelastet bin. Mehr geht einfach nicht.“

Den vollständigen Artikel lesen Sie in GUT zu FUSS 6/2018.