Freiheit für die Füße

Es fing an mit einem ungewöhnlichen Experiment. Ein Jahr lang wollte Sabrina Fox auf Schuhe verzichten. Das war 2014. Seither ist sie überzeugte Barfußläuferin.

© Christian M. Weiss

Frage: Seit Juli 2014 laufen Sie barfuß. Wie kam es dazu?
Fox: Ich war davor schon viele Jahre, so oft es ging, barfuß unterwegs. Es ist ganz wichtig, dass wir immer wieder aus unseren Schuhen herauskommen. Eine meiner Leserinnen schickte mir einmal ein Buch von Carsten Stark mit dem Titel „Füße gut, alles gut“. In dem Buch stand viel über den Ballengang drin, bei dem man zuerst mit dem Vorderfuß am Boden aufkommt. Ich bin dann mit Fingern in den Ohren zunächst im gewohnten Fersengang gegangen und anschließend im Ballengang. Während ich beim Fersengang jeden Schritt als laut empfunden habe, war es beim Vorderfußgang wunderschön ruhig in meinem Körper. Das hat mich fasziniert, und ich beschloss, das Barfußgehen auszuprobieren. Ich testete verschiedene Barfußschuhe aus, stellte aber  für mich fest, dass es am einfachsten ist, wenn ich jegliche Art von Fußbekleidung ganz weglasse.

Frage: Haben Sie sich an das Barfußgehen langsam herangetastet?
Fox: Da ich seit 25 Jahren ganzheitlich arbeite, wusste ich, dass ich nicht plötzlich barfuß joggen gehen kann, weil ich mir sonst meine Füße ruiniert hätte. Es war ein Prozess. Dann kam ich an den Punkt, an dem ich den Entschluss fasste, das Experiment durchzuziehen. Ich bin ein neugieriger Mensch, ich wollte wissen, ob ich ein Jahr lang barfuß gehen kann.  

Frage: Wie war die erste Zeit barfuß?
Fox: Ich war völlig fasziniert von den Eindrücken, die meine Füße bekamen. Es hat mir große Freude bereitet den Weg, den ich gehe, mit meinen Füßen zu entdecken und zu erspüren. Im November sagten mir meine Augen: Es ist kalt draußen, zieh’ Schuhe an. Meine Füße sagten: Nö, das geht noch! Ich höre nach wie vor sehr auf meine Füße und auf meinen Körper. Wenn meine Füße mir sagen, dass das Barfußlaufen ihnen keinen Spaß macht, ziehe ich mir etwas an.

Frage: Wie haben die Menschen in Ihrer Umgebung reagiert?
Fox: Es hat mich nie jemand gefragt, ob Barfußgehen gesund ist, schließlich weiß jeder, dass es gesund ist. Vor drei Jahren fragten mich noch viele überrascht: „Oh Gott, wo sind denn Ihre Schuhe?“ Viele waren neugierig, weil sie es nicht kannten. Wenn mich heute Leute barfuß sehen, sagen sie: „Ach, Sie sind eine Barfußläuferin! Davon habe ich schon gehört.“ In den letzten Jahren hat sich da viel getan. Ich stelle mit Freude fest, wie tolerant und offen wir Deutschen in diesem Zusammenhang geworden sind. In den drei Jahren habe ich bewusst nur zwei missbilligende Blicke wegen des Barfußgehens wahrgenommen. 

Frage: Auf welcher Art Untergrund laufen Sie am liebsten?
Fox: Natürlich auf frischem Gras und feuchter Erde. Auch Waldböden sind oft sehr angenehm. Wenn nicht gerade Split liegt, sind auch Gehwege toll. Der Münchner Flughafen hat auch einen super Boden, den lieb ich. Er ist glatt und warm, ich glaube die haben Fußbodenheizung. Auch auf Holzböden gehe ich gerne, sie strahlen eine unverwechselbare Wärme aus im Vergleich zu anderen Bodenbelägen.  

Frage: Hatten Sie schon einmal Probleme, weil Sie barfuß waren?
Fox: Ich hatte einmal ein Erlebnis in den USA. Aus Recherchezwecken für mein Buch habe ich ausprobiert, ob man als Barfußläufer einen Supermarkt betreten darf. Dem Personal war das auf jeden Fall nicht recht. Man hat mich gebeten, dass ich aus Sicherheitsgründen beim nächsten Einkauf bitte Schuhe anziehen soll. Dieses Verhalten ist typisch amerikanisch.  

Frage: Welche Veränderungen haben Sie durch das Barfußgehen für sich erfahren?
Fox: Mein Gang hat sich verändert. Früher waren meine Fußsohlen sehr elegant und weiß, das sind sie nun nicht mehr, obwohl ich hier anmerken möchte, dass meine Füße schon vorher viel Freiheit erleben durften. Heute gleichen sie eher Bodybuilderfüßen. Sie sind sehr muskulös. Man sieht ihnen an, dass es keine Schuhfüße mehr sind. In den vergangenen drei Jahren sind auch die einzelnen Zehen beweglicher geworden. Ich habe früher immer irrsinnig viele Blasenpflaster gebraucht. Das ist vorbei. Ohne Schuhe habe ich keine Reibungen oder Druckstellen mehr – und keine Rückenschmerzen, was ich früher oft hatte. Der ganze Bewegungsapparat ist jetzt in einem guten Zustand, das hat besonders meinen Arzt und meine Physiotherapeutin begeistert, die mich durch das erste Jahr begleitet haben. Darüber hinaus entspannt sich der ganze Körper. Es findet sehr viel Erdung statt. Jeder Schritt ist wie eine Meditation. Man erspürt sich selbst wieder mehr in der unteren Körperhälfte durch das Barfußgehen. Wir spüren Hände, Nase, Augen, manchmal den Magen, wenn uns etwas drückt, und den Unterleib, wenn wir auf die Toilette müssen oder mit jemandem schlafen (lacht). Ansonsten spüren viele von uns ihre untere Körperhälfte kaum. Durch das Barfußlaufen wirkt der Körper wacher, weil mehr Informationen über die Fußsohlen an das Gehirn geschickt werden.  

Frage: Wann ziehen Sie noch Schuhe an?
Fox: Bei extremen Temperaturen oder wenn die Verletzungsgefahr groß ist, wie letztes Jahr in Südafrika. Bei einer Wanderung lagen viele Scherben auf dem Weg. Ich ziehe auch Schuhe an, wenn ich nicht auffallen möchte, etwa bei einer Beerdigung oder einer Hochzeit. Wenn ich mit meiner Tochter zum Essen verabredet bin, ziehe ich etwas an die Füße, weil sie es nicht toll findet, wenn ich mit ihr barfuß in ein Restaurant gehe. Beim Barfußgehen ist es ganz wichtig, dass es zum Moment passt und harmonisch ist.  

Frage: Wie wichtig sind für Sie gepflegte Füße?
Fox: Sehr wichtig! Füße müssen nicht ästhetisch schön sein, die wenigsten von uns haben Modelfüße. Aber es gibt eine Fußetikette, die mir wichtig ist. Meine Füße sind der am bes­ten gepflegte Teil meines Körpers. Ich wasche sie drei- bis viermal täglich. Ich habe immer feuchte Tücher dabei. Wenn ich Freunde besuche, wische ich mir die Füße ab, bevor ich ihre Wohnung betrete. Abends creme ich sie ein.  

Frage: Gehen Sie gelegentlich auch zur professionellen Fußpflege?
Fox: Früher war ich regelmäßig bei der Fußpflegerin. Heute schenke ich meinen Füßen die Aufmerksamkeit, die sie brauchen.