Bedarf erkennen und handeln

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Die Kosmetikerin Miriam Altinisik, Inhaberin zweier Kosmetikstudios im oberbayerischen Wolfratshausen, hat eines ihrer Studios als Corona-Testzentrum zur Verfügung gestellt. Wenn sie nicht gerade eine Kundin behandelt, arbeitet sie im Testzentrum.

Frage: Frau Altinisik, sind Sie von Anfang an mit Ihren Kosmetikstudios in Wolfratshausen?
Altinisik: Nein, mein erstes Studio hatte ich damals in unserem Privathaus in Ulm eröffnet. An dem Standort war ich etwa zweieinhalb Jahre. Nach familiären Veränderungen bin ich im März 2012 durch Zufall in Wolfratshausen gelandet. Ich weiß noch gut, wie ich in einem Café saß und ich die Bedienung fragte, wo ich denn im Ort ein Zimmer mieten könnte. Da meldete sich eine Dame am Nebentisch und bot mir Räumlichkeiten zum Mieten an. Wie ich später erfuhr, war das die Sekretärin des Bürgermeisters von Wolfratshausen. Wir waren uns sofort sympathisch, also bin ich wenig später bei ihr eingezogen. Irgendwann erzählte sie mir, dass der kleine Tabakladen im EG des Rathauses schließen würde. Ich fragte bei der Stadtverwaltung an und bekam auch tatsächlich den Zuschlag. So eröffnete ich im März 2013 mein kleines Studio mit einem Behandlungsraum. Sechs Jahre später kam dann mein zweites, großes Studio dazu, das ich in den Räumen eines ehemaligen Gummibärchenladens eröffnete. Beide Studios liegen Luftlinie nur wenige Meter voneinander entfernt. Im kleinen Laden habe ich sechs Jahre lang ausschließlich kosmetische Behandlungen und Massagen angeboten. In dem großen Studio wird den Kundinnen an einem Ort die ganze Bandbreite an Dienstleistungen angeboten von Maniküre über Wimpernverdichtung, Extensions, Sugaring und Waxing, Braut-Spezial und Kosmetikbehandlungen. Außer einer Sekretärin habe ich seit Corona eine selbstständige Mitarbeiterin für Kosmetikbehandlungen. In dem großen Studio gibt es drei große Kabinen, die ich vor Corona an selbstständig arbeitende Kosmetikerinnen untervermietet hatte. Das Geschäft im großen Kosmetikstudio fing gerade an so richtig anzuziehen – und dann kam die Pandemie und die Kosmetikinstitute mussten, wie viele andere Geschäfte, schließen.

Frage: Wie haben Sie persönlich die ersten Monate der Corona-Krise erlebt? Welche Auswirkungen hatte der erste Lockdown auf Ihr Unternehmen?
Altinisik: Mit dem Lockdown musste ich meine Studios – wie alle anderen Kosmetikerinnen auch – schließen. Somit mussten auch alle Kosmetikerinnen, die bei mir Kabinen gemietet hatten, aufgeben. Für mich hatte dies zur Folge, dass ich von heute auf morgen auf meinen Kosten sitzenblieb, ich musste ja trotzdem jeden Monat meine Miete zahlen, so wie alle selbstständigen Kolleginnen. Auf meine Anfrage bei der Stadtverwaltung, die mir ja die Räume der beiden Studios vermietet, bekam ich die Miete für drei Monate gestundet. Während des Lockdowns saß ich dann da und war zur Untätigkeit gezwungen.

Frage: Wie kam es dazu, dass Sie eines Ihrer Kosmetikstudios zur Verfügung stellten, damit dort ein Testzentrum eingerichtet werden konnte? Das ist alles andere als selbstverständlich.
Altinisik: Ich war schon immer gern ehrenamtlich tätig. Kurz nach der Eröffnung meines großen Studios habe ich dort z. B. ein Weihnachtsessen für Obdachlose organisiert, sogar der Nikolaus schaute herein! Im Vorfeld hatte ich dafür Geld und Geschenke gesammelt. Dann kam Corona. Ich hatte mir frühzeitig Selbsttests für meine Kunden zugelegt, um ihnen den Besuch bei mir zu erleichtern. Als dann die gesetzlichen Bestimmungen vor einigen Wochen negative Corona-Tests als Bedingung vorschrieben, um z. B. in Schuh- oder Kleidergeschäften einkaufen zu können oder für einen Termin beim Friseur oder bei der Kosmetikerin, tauschte ich mich erst mit Inhabern von umliegenden Geschäften aus, anschließend ging ich zum Landratsamt. Dort stellte ich meinen leerstehenden Laden in der Innenstadt von Wolfratshausen als Corona-Testzentrum zur Verfügung. Außerdem suchte ich in diesem Zusammenhang auch das Gespräch mit der DLRG und Ines Lobenstein von der Caritas. Als ausgebildete Sanitäterin und Krankenschwesterhelferin mit einem ausgeprägten medizinischen Interesse war das für mich ein naheliegender Gedanke. Die DLRG und Caritas bauten das Testzentrum auf, das am 17. April 2021 eröffnete. Jeden Tag von halb zwölf Uhr bis 14 Uhr arbeite ich seither im Team mit anderen in der Teststation. Auch ein ortsansässiger Arzt gehört zum Team.

Frage: Sie gehören zu den Ehrenamtlichen und helfen selbst mit. Welche Eindrücke haben Sie in den letzten Wochen für sich gewonnen?
Altinisik: Ich hätte es mir bis vor Kurzem nicht vorstellen können, dass ich mittags während meiner regulären Arbeitszeit in den vier Wänden meines Studios stehe und Menschen teste. Oft bildet sich eine Schlange von bis zu 30 Menschen vor dem Gebäude, die alle getestet werden möchten. Pro Testung rechnen wir zehn bis 15 Minuten ein. Alles muss steril sein. Wir tragen Ganzkörperanzüge, Mundschutz und Handschuhe. Ich arbeite u. a. Seite an Seite mit ehrenamtlich tätigen Krankenschwestern und Arzthelferinnen, die größtenteils auch zu meinen Kunden gehören und die ich für die ehrenamtliche Tätigkeit angefragt habe. Die Arbeit im Team ist eine tolle Sache.

Frage: Gibt es auch Situationen, in denen Sie so etwas wie Dankbarkeit zu spüren bekommen für Ihr ehrenamtliches Engagement?
Altinisik: Dankbarkeit erlebt man im Testzentrum nur tropfenweise. Von den umliegenden Geschäften sind vereinzelt Leute auf mich zugekommen und haben sich bedankt. Die meisten Getesteten sind sehr dankbar, können es aber oft nicht zum Ausdruck bringen, weil der Ablauf so schnell ist. Manchmal testen wir bis zu 100 Menschen täglich. Kritische Stimmen gibt es zwar vereinzelt, doch das Positive überwiegt.

Frage: Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Arbeit, neben den Kosmetikbehandlungen viel Kraft und Durchhaltevermögen kostet ...
Altinisik: Meine Tage gestalten sich derzeit so, dass ich vormittags Kosmetikbehandlungen mache und ab mittags im Testzentrum im Einsatz bin. Danach mache ich weitere Kosmetikbehandlungen und abends erledige ich dann die noch anfallende Büroarbeit. Oft komme ich nicht vor 22 Uhr nach Hause und schlafe dann meist auf der Couch ein. Der Dienst im Testzentrum macht mich glücklich, weil ich dadurch vielen das Leben erleichtere. Und im Infektionsfall können wir den Betreffenden sofort herausfiltern und nach Hause bzw. zum Arzt schicken.

Miriam Altinisik: ist ausgebildete Kosmetikerin und führte vor der Corona-Pandemie zwei Kosmetikstudios in Wolfratshausen. Seit April 2021 ist in ihrem kleineren Studio eine Teststation eingerichtet. „Ich war schon immer ein Workaholic“, sagt Altinisik über sich selbst. Das Testzentrum möchte sie so lange unterstützen, wie es gebraucht wird. „Entweder ich mache etwas richtig oder ich lasse es.“

Von | Fotos: stock.adobe.com/ManuPadilla

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