Spiral-Prinzip

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Spiral-Prinzip

In der Hamburger Fußschule für Spiraldynamik eröffnen sich den Workshop-Teilnehmern ganz neue Perspektiven. Ein Bericht unserer Autorin Petra Pokorny.

An einem Sonntagmorgen finden sich in dem geräumigen Workshop-Raum der Hamburger Fußschule für Spiraldynamik 24 Frauenfüße zur Fußschule ein. Dieser Tag ist ihr Tag und insofern etwas Besonderes, weil sich ihre Besitzerinnen sieben Stunden lang ganz auf sie – die Füße – konzentrieren werden. Wann erhält Fuß schon so intensive Aufmerksamkeit? So ganz aus freien Stücken widmen sich die Workshop-Teilnehmerinnen allerdings nicht ihren wertvollen, doch oft vernachlässig­ten Basis-Körperteilen. Bei den meisten haben sich im Lauf des Lebens erhebliche Probleme eingestellt. Probleme, denen sie mithilfe der Spiraldynamik beizukommen hoffen. Das eintägige Seminar stellt den ersten Schritt zur Besserung der Beschwerden dar.

Auftritt von 120 Zehen

Mit nackten Füßen und irgendwie auch hilflos stehen die Frauen vor den Stühlen im Kreis – 120 Zehen wackeln ungeduldig während der Vorstellungsrunde, warten auf ihren Auftritt. Eine angenehme Raumtemperatur und ein heller Holzfußboden bilden den Rahmen für ein gutes Fußklima. Bei der Vorstellungsrunde stellt sich jede Frau auf ihre bloßen Füße, nennt ihren Namen und beschreibt, was sie herführt: Schmerzen, Bewegungs-Erschwernisse, Verformungen.
Manche Beschwerden begleiten die Teilnehmer seit einiger Zeit, andere bereits seit vielen Jahren, zum Teil sogar seit der Kindheit. Währenddessen betrachten die Teilnehmer ausführlich die Füße der anderen Anwesenden. Wann sonst schaut man so ungeniert auf diese doch recht intime, heute bloßgestellte Körperregion?
„Ich muss mich einfach mal bei meinen Füßen entschuldigen, weil ich ihnen niemals besondere Beachtung geschenkt habe“, wird eine der Teilnehmerinnen am Ende des Tages als persönliche Erkenntnis äußern. „Und ich habe zum ersten Mal gemerkt, wie schön es ist, wenn man an ihnen herumfummelt. Auf diese Idee war ich bisher nicht gekommen.“

Keine Berührungsängste

Hinter dieser Erkenntnis scheint etwas Wahres zu stecken. Im Verlauf des Workshops verabschieden sich die Teilnehmerinnen von einer Reihe von Berührungsängsten. Denn neben ausführlichen Erklärungen zum Skelett-Aufbau und zu den Bewegungsabläufen widmet sich die Fußschule vor allem der praktischen Erfahrung: Wie stehe ich auf meinen Füßen? Wie rolle ich ab? Wie setze ich meine Hacke? Wie viel Raum entsteht dabei zwischen Großzeh- und Kleinzehballen? Und was bedeutet das für meinen gesamten Bewegungsapparat? Diesen Fragen geht und spürt man nach im Verlauf der folgenden Stunden. „Nehmt die Füße in die Hand – die eigenen und auch die anderer Teilnehmerinnen – massiert sie und verwöhnt sie auch ein bisschen“, fordert die Physiotherapeutin Andrea Bubos, die den Workshop leitet, die Frauen auf. Unterstützt wird sie im Rahmen der Veranstaltung von ihrer Tochter Nadine Neuwerk, einer ebenfalls ausgebildeten Physiotherapeutin.

Beginn einer wunderbaren Fuß-Freundschaft

„Noch nie habe ich Fußsohle, Ferse, Ballen und Zehen so differenziert wahrgenommen. Seine Füße derart bewusst zu setzen und das Gewicht auf sie gezielt zu verteilen, ist eine besondere Erfahrung“, sagt eine der Teilnehmerinnen begeistert. „Ich nehme aus dem Workshop für mich mit, dass mein Fuß in der Längs- und Querrichtung viel beweglicher ist, als ich bisher gedacht habe! Er hat viel mehr Muskeln, als mir klar war“, staunt eine andere Workshop-Besucherin. Wieder Spielräume für seine Füße zu erkennen, sei eines der großen Themen der Veranstaltung, erklärt Andrea Bubos. „Der Workshop soll eine Orientierungsreise sein, eine Inspirationsreise. Denn die Spiraldynamik ist ein komplexes Konzept und die Ausbildung dafür ein langer Weg“, räumt sie ein. Andrea Bubos weist darauf hin, dass der eintägige Workshop keine komplette Schulung darstellt und auch keine Therapie ersetzen kann. Vielmehr soll die Veranstaltung als Chance gesehen werden, als Beginn einer wunderbaren Fuß-Freundschaft.
„Haltungs- und Bewegungsmuster lassen sich verändern. In der Fußschule nehmen die Teilnehmer wahr, wie sie ihre Füße bis dato eingesetzt haben. Im nächsten Schritt lernen sie anatomisch sinnvolle Alternativen zu diesen Gewohnheiten kennen und erhalten Tipps, wie sie das Gelernte in ihrem Alltag umsetzen können. Der Workshop bietet eine Hilfe zur Selbsthilfe“, beschreibt Bubos das Lernziel auf der Homepage der Schule (www.spiraldynamikhamburg.de)

In die Füße hineinspüren

Die Physiotherapeutin setzt auf die Sensibilisierung für den eigenen Bewegungsapparat. In Übungseinheiten regt sie die Teilnehmer an, in die Füße hineinzuspüren, ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Fußteile zu entwickeln, die verschiedenen Positionen der Ferse zu erkunden sowie Fußinnenraum und Zehen differenziert wahrzunehmen: „Was passiert, wenn ihr die Belastung in der Ferse mehr nach innen nehmt? Außendrehung, die Fersen mehr in die Vertikale – was passiert in den Leisten, was passiert in unseren Rücken?“ Die Frauen gehen, stehen, lehnen sich an Wände, verändern die Position des Beckens, schließen die Augen, um sich besser darauf zu konzentrieren, was ihr Körper ihnen sagt. Bubos macht jede der Teilnehmerinnen auf ihre spezifischen Haltungen und Bewegungsabläufe aufmerksam, greift ein und fasst zu, um Alternativen zum Gewohnten zu demonstrieren. Dabei geht es um die Länge des Rückens, die ergonomisch sinnvolle Aufrichtung des Beckens auf Basis der Fersenbelastung und Fersenpositionen. „Merkst du, wenn du nach innen gehst, wie deine Leisten schließen? Spürst du, wie du abknickst? Richte die Ferse auf und nutze beim Abrollen auch den Kleinzehballen“, lauten ihre Hinweise.

Spiralhafte Verschraubung

Um das Konzept der Spiraldynamik zu veranschaulichen, demonstriert Bubos ergonomische Zusammenhänge mithilfe eines Fußskeletts. Dabei geht es um das Prinzip der spiralhaften Verschraubung – um Drehung und Gegendrehung – in der Bewegungsdynamik, das Stabilität und Beweglichkeit ermöglichen. „Das Prinzip der dreidimensionalen Verschraubung zieht sich wie ein roter Faden durch die funktionelle Anatomie des menschlichen Bewegungsapparates.“ Die theoretischen Erläuterungen ergänzen und verdeutlichen, was die Frauen während des Tages am eigenen Körper erleben.
Für Nachhaltigkeit sorgen Übungen, die in alltäglichen Situationen – wie z. B. im Büro oder beim Warten in einer Schlange – angewandt werden können. Die Auswirkungen der Fußarbeit werden im Lauf des Workshops bis in die Schultern und in den Nacken fühlbar.
Durch die vielen konzentrierten feinmotorischen Übungen sind am späten Nachmittag alle Teilnehmer erschöpft. Zum Ausklang massieren sie sich gegenseitig die Füße, die längst keine Tabuzone mehr darstellen. „Du kannst mir an die Füße fassen!“, erhält in diesem Zusammenhang eine neue, freundschaftliche Bedeutung. In der Schlussrunde kommt das Thema Schuhe auf. Wo bekommt frau schicke und gesunde Schuhe? Adressen von Geschäften und Versendern werden ausgetauscht, die Meinungen über Chic gehen dabei auseinander.

Schön und bequem

„Schmale Füße zu bekommen sollte nicht das Ziel sein. Kräftige Füße dürfen breit sein. Das ist der Grundkonflikt: Einerseits sind wir auf ‚schön’ gepolt, andererseits haben wir das Bedürfnis, unsere Füße nicht einzwängen zu lassen“, meint Bubos. Barfußgehen wäre ideal.
Zum Ende des Workshops sind die Teilnehmer erschöpft aber bereichert. „Ich nehme für mich mit, dass ich auch abends gemütlich zu Hause etwas für meine Füße tun kann, indem ich sie massiere oder massieren lasse“, freut sich eine Teilnehmerin. Das neue, erweiterte Körpergefühl scheint für alle ein Gewinn zu sein.
Viele der Frauen sind von der Vielfalt der Übungen beeindruckt. Manche empfinden die filigrane Arbeit mit den Füßen besonders intensiv. „Ich habe bisher gar nicht gewusst, dass man die Hacken so aufrichten kann. Mir ist jetzt bewusster denn je, dass die Füße einen wichtigen Job machen. Gleichzeitig weiß ich, dass es wichtig ist, wie man steht und die Ferse setzt und wie man das Gewicht verteilt“, sagt eine der Teilnehmerinnen abschließend.
Andrea Bubos freut sich über das positive Feedback. „Am Schluss bleibt immer etwas hängen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Anfang zumindest etwas in Bewegung bringt. Über die Füße können wir in direkten Kontakt mit uns selbst treten. Man darf ruhig Lust auf seine Füße haben!“

Der Beitrag ist erschienen in der Fachzeitschrift GUT zu FUSS 4/18.

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