Ein Bad im Wald

Ein Bad im Wald

Es gibt viele Orte in der Natur, an denen der Mensch auftanken kann und sich geborgen fühlt. In diesem Zusammenhang etabliert sich der Wald immer mehr zum Sehnsuchtsort. Forscher suchen nach Erklärungen, warum das so ist.

Tief atme ich die frische kalte Luft ein, schließe die Augen, fühle das trockene Laub unter meinen Füßen, ich höre es rascheln. Es riecht nach Schnee und natürlich nach Wald. Dicke Eisschneetropfen fallen mit lautem Platsch auf den Waldboden, die umliegenden Felsbrocken und auf mich. Die leise melodiöse Stimme von Bernadette Rey fügt sich in die allgemeine Harmonie der Natur ein. Als wir die Augen wieder öffnen, scheinen die gelben und orangefarbenen Herbstblätter, die dunklen Baumrinden und die weiße Eisschicht darauf noch intensiver zu leuchten als zuvor.
Bernadette Rey reicht uns – einer alten Tradition folgend – einen „bâton de parole“ (einen „Sprech-Stock“) herum, den jeder ergreifen kann, der die gerade erlebte Sinneserfahrung in Worte fassen möchte. Zu gehen, zu schauen, zu fühlen, zu hören – alles ist, als ob man sich orientieren wolle an der Geschwindigkeit der Natur, „wie der Reis wächst“, so sagen sie in Japan, der „Heimat“ von Shinrin Yoku: dem Waldbaden.
In einer kleinen Schale sammelt jeder dabei seinen „Schatz“ an Blättern, Knospen, Rindenstücken, vertrockneten Früchten, Steinen, Eisstücken, die wir gemeinsam zu einem Kunstwerk zusammensetzen. Zum Abschluss serviert Bernadette einen Kräutertee in japanischen Schälchen mit süßen Dattelteig-Bonbons.

Forschungszweig Waldmedizin

Bei solch einem „Waldbad“ werden eben alle Sinne angesprochen. Es soll damit entstressen, den Blutdruck senken, Killerzellen aktivieren und damit das Immunsystem aktivieren. Das jedenfalls haben Untersuchungen in Japan ergeben, wo seit 2012 an den Universitäten ein eigener Forschungszweig zur „Waldmedizin“ existiert. Dort gibt es sogar eine entsprechende Facharztausbildung – und Großstädtern kann ein Aufenthalt in einem der Waldtherapiezentren regelrecht ärztlich verordnet werden.
Natürlich suchten Menschen schon immer Erholung im Wald, doch bewusst und als echte Therapie entwickelte sich das „Waldbaden“ erst in den 1980er-Jahren. Den Begriff prägte 1982 der damalige japanische Generaldirektor der Agentur für Landwirtschaft, Forst und Fischerei Tomohide Akiyama – einmal aus der Überzeugung heraus, Japaner brauchten Heilung durch Natur, aber auch als Teil einer Kampagne zum Schutz des Waldes. Wenn Menschen aus gesundheitlichen Gründen in die Wälder gehen, so seine Überlegung, dann wären sie wohl bereit, diese zu schützen und zu pflegen. Der Erfolg gab ihm Recht. Nun findet Shinrin Yoku auch in der westlichen Welt zunehmend Anhänger, besonders in den USA, in Kanada und nun auch in Europa.
Waldbademeister oder „-führer“ wie Bernadette Rey absolvieren meist eine spezielle Ausbildung in Japan und bieten dann in der Heimat ihre Dienste an, um stressgeplagte Menschen in die Welt des Shinrin Yoku einzuführen.

Die Bedeutung der Phytonzide

Waldbaden versteht sich nicht als Joggen oder Wandern, vielmehr geht es um das Dasein in der Natur, mit ihr Verbindung aufzunehmen, durch Augen, Ohren, Nase, durch Berühren und Schmecken. Um die positive, heilende Wirkung des Waldbadens, Shinrin Yoku, auf den Organismus, auf Körper und Seele wissenschaftlich zu untermauern, wurden vor allem in Japan millionenschwere Forschungsprogramme durchgeführt: So konnte in Versuchsreihen mit Kontrollgruppen festgestellt werden, dass Waldbaden tatsächlich den Kortisol-Spiegel senkt und das Gehirn entspannen kann. Das liegt vor allem an den sogenannten Phytonziden. Der Begriff steht für aktive Substanzen, die antibakterielle, antifungale und antivirale Wirkung haben und Pflanzen vor dem Verrotten bewahren. Sie werden von Bäumen und anderen Pflanzen erzeugt und an die Umgebung abgegeben – als Schutz vor schädlichen Insekten, Tieren und Keimen. Diese Phytonzide geben dem Wald den spezifischen Geruch und tragen nachweislich dazu bei, die Luft zu reinigen. Sie halten Bäume und Pflanzen gesund und kommen auch der menschlichen Physiologie zugute.

Stärkung des Immunsystems

Seit 2006 wurde in mehreren Studien untersucht, wie eine Umgebung wie der an Phytonziden reiche Wald das menschliche Immunsystem beeinflusst. Unbestritten ist, dass Stress unser Immunsystem schwächt. Da nun der Wald eindeutig entstresst, so argumentieren Shinrin Yoku-Aktivisten, führt dies indirekt auch zu einer Stärkung des Immunsystems. Dies bestätigen auch Messungen bestimmter Werte – z. B. die Aktivität der NK-Zellen („Natural Killers“, also Killerzellen) – vor und nach dem Waldbaden. Offenbar haben die luftreinigenden Fähigkeiten von Phytonziden die Menschen jahrtausendelang vor Infektionskrankheiten geschützt.
Und auch hierzulande erforschen Wissenschaftler deren Wirkung auf den Menschen. Angela Schuh vom Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Professorin für Medizinische Klimatologie z. B. hat im Auftrag des Bäderverbandes Mecklenburg-Vorpommern aktuelle Studien daraufhin ausgewertet, ob naturbelassene Landschaft positive Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Das schonende Klima des Waldes führe nachgewiesenermaßen zu einem Erholungseffekt durch Stressreduktion, meint Schuh. Auch gebe es Hinweise für eine Zunahme der Leistungsfähigkeit des Immunsystems. Es lohne sich daher, das Waldbaden zu untersuchen. Auch sie fordert mehr Studien – insbesondere zur Langzeitwirkung des Waldbadens und zu einem etwaigen präventiven, vorbeugenden Einfluss auf die Gesundheit.

Zertifizierte Waldbademeister

Auch ohne wissenschaftlich fundierte Daten entdecken Menschen vor allem in Japan und Korea und zunehmend in Nordamerika und Europa den Wald als „Therapieort“. In Deutschland entstand kürzlich im Ostseebad Heringsdorf auf Usedom der „erste europäische Kur- und Heilwald“ mit 187 Hektar für die Therapie von Atemwegs-, Herz-Kreislauf-, orthopädischen und psychosomatischen Erkrankungen.
Das zur Berliner Charité gehörende Immanuel-Krankenhaus plant derzeit einen Waldbadepfad am Berliner Wannsee. Bereits im letzten Sommer nahm die Landesgartenschau im Teutoburger Wald von Bad Iburg das Waldbaden in ihr tägliches Veranstaltungsprogramm auf und bot dafür unter Leitung der zertifizierten Waldbademeisterin Annette Bernjus Kursleiter-Seminare an. Demnächst wollen nach Bad Laer und Bad Essen weitere Bäder am Teutoburger Wald dem Trendsetter Bad Iburg folgen, der im Oktober 2018 gar ein Waldbadefestival organisierte, wie die Landesgartenschau-Pressesprecherin Imma Schmidt berichtet.

Der "richtige" Wald

Für Shinrin Yoku muss der Wald drei Bedingungen erfüllen: Erstens muss man sich dort physiologisch einfach wohlfühlen, zweitens ist psychologisch eine gewisse Sympathie für diese Umgebung nötig und drittens ist auch ein spiritueller Aspekt wichtig, was für sie Tradition und Geschichte eines Waldes umfasst, was nicht esoterisch gemeint ist: Je nach Jahreszeit sind demnach verschiedene Waldumgebungen therapeutisch wirksam. Auch sollte es dort möglichst keine toten oder kranken Bäume geben.

Waldbaden – eine Bedienungsanleitung für Shinrin Yoku

  • Schalten Sie alle Geräte ab, Handys, Tablets, Kameras. Lassen Sie die Technologie im städtischen
  • Alltag zurück, um sich einer anderen Wirklichkeit und Umgebung zu öffnen.
  • Gehen Sie langsam – ohne festes Ziel, ohne Wegplanung, ohne Zeitbegrenzung.
  • Bleiben Sie oft stehen. Machen Sie Pausen, damit die Seele nachkommen kann.
  • Nehmen Sie bewusst Ihre Umgebung auf: Genießen Sie Formen, Farben, Gerüche und Geräusche des Waldes.
  • Legen Sie sich ins Moos oder ins Laub, lassen Sie sich von Sonnenstrahlen durchfluten.
  • Berühren Sie einen Baumstamm, fühlen Sie die Rinde, lehnen Sie sich an einen Stamm, setzen Sie sich auf einen Baumstumpf. Wenn Sie einen Bach entdecken, dann beobachten Sie das Wasser, fühlen Sie barfuß das kühle Nass.
  • Versuchen Sie, auch Altbekanntes neu zu entdecken und wie ein Kind zu staunen. Sammeln Sie
  • Blätter, Pilze, Steine, Eicheln oder Kastanien, suchen Sie sich einen schönen Spazierstock, flechten Sie Gräser.
  • Balancieren Sie über Baumstämme, hüpfen Sie über Wurzeln oder Pfützen. Aber alles nur in sanften Bewegungen.
  • Schauen Sie in die Ferne, auf das Grün des Waldes – das entspannt Ihre vom Computer
  • strapazierten Augen.
  • Atmen Sie tief und bewusst, konzentrieren Sie sich ganz auf sich selbst, schweigen Sie und meditieren Sie.
  • Vor allem: Lassen Sie sich Zeit bei allem!

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in KOSMETIK international 2/2019.

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