Gewinn für alle Beteiligten

Gewinn für alle Beteiligten

Von einem barrierefrei eingerichteten Kosmetikinstitut profitieren sowohl Angestellte als auch Kunden mit Beeinträchtigungen. Dunja Fuhrmann, Expertin für barrierefreies Bauen, erläutert im Interview, worauf es ankommt.

Frage: Wie aufwendig ist es grundsätzlich, seine Geschäftsräume barrierefrei zu gestalten?
Fuhrmann: Das hängt stark von den Gegebenheiten ab. Bei einem Neubau kann man barrierefreie Maßnahmen von Anfang an einplanen. Handelt es sich um ein Gebäude, das bereits besteht, sind die Maßnahmen aufwendiger. Wenn eine Kosmetikerin ihre angemieteten Räumlichkeiten barrierefrei gestalten möchte, sollte sie zunächst mit ihrem Vermieter darüber sprechen und ihn davon überzeugen, dass Maßnahmen wie z. B. ein schwellenloser Zugang zum Haus eine Wertsteigerung für die Immobilie darstellt. Es gibt Fördermöglichkeiten, die man bei geplanten Maßnahmen in Anspruch nehmen kann. Bei Barrierefreiheit geht es nicht allein um Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung, sondern immer auch um Menschen, die aufgrund ihres Alters körperlich eingeschränkt sind. Sie machen zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Das sind oft auch Menschen, bei denen die Behinderung erst im Laufe des Lebens  entstanden ist, etwa durch Krankheiten wie Diabetes oder Bandscheibenvorfälle. Weitere 40 Prozent sind zumindest kurzfristig eingeschränkt. Dazu gehören Menschen mit Kinderwagen sowie Lieferanten oder Menschen, die mit Krücken unterwegs sind.

Frage: Wie bereit sind Unternehmen in Deutschland Ihrer Meinung nach, im Bereich der Barrierefreiheit aktiv zu werden?
Fuhrmann: Die öffentlichen Arbeitgeber haben hier immer noch die Vorreiterrolle. In Deutschland ist jeder Arbeitgeber ab einer Anzahl von mindestens 20 Beschäftigten gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent seiner Arbeitsstellen mit Schwerbehinderten zu besetzen, allerdings kann ein Unternehmen dies umgehen, wenn es sogenannte Ausgleichabgaben leistet. Unternehmen unter 20 Mitarbeitern, zu denen in der Regel Kosmetikinstitute zählen, haben in diesem Zusammenhang keine gesetzliche Verpflichtung. Warum viele Arbeitgeber nach wie vor davor zurückschrecken, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, sind Vorurteile. Häufig wird z. B. der Grad der Behinderung gleichgesetzt mit der Fähigkeit zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit, das ist absoluter Quatsch. Außerdem denken viele, dass Menschen mit Behinderung unkündbar sind, was auch nicht stimmt.

Frage: Ich habe im Vorfeld immer wieder von barrierefrei und behindertengerecht gelesen. Worin liegt der Unterschied?
Fuhrmann: Barrierefrei benennt allgemeine Maßnahmen wie z. B. einen schwellenlosen Zugang und ausreichend Bewegungsraum. Behindertengerecht bedeutet, dass ein Arbeitsplatz mit Arbeitshilfen zusätzlich ausgestattet wird, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnissen des Arbeitnehmers mit Einschränkung. Das kann z. B. ein ergonomisch geformter Stuhl sein oder ein höhenverstellbarer Arbeitstisch. Wenn man Menschen mit Behinderung beschäftigt, erhält man als Arbeitgeber Unterstützung. Integrationsamt und Rehabilitationsträger bezahlen Förderleistungen bei der Probebeschäftigung, bei der Arbeit, bei der Eingliederung, beim Arbeitsentgelt sowie bei der behindertengerechten Einrichtung des Arbeitsplatzes. Darüber hinaus gibt es einen technischen Beratungsdienst beim Integrationsamt bzw. bei der Arbeitsagentur, der den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer unterstützt.

Frage: Welche Bereiche sollte man im Auge behalten, wenn man sein Institut barrierefrei gestalten möchte?
Fuhrmann: Ein stufenloser Zugang zum Haus ist eine gute Lösung. Im Institut gibt es eine Reihe von Themen. Verfügen z. B. die Türrahmen über eine Mindestbreite von 90 Zentimetern? Gibt es ausreichend Bewegungsflächen? Dies kommt Menschen mit Rollstuhl oder einem anderen Hilfsmittel zugute, aber auch Angestellten und Kunden, die etwas breiter gebaut sind. Ein Empfangstresen, der auf einer Seite etwas abgeflacht ist, hilft Angestellten und Kunden, die im Rollstuhl sitzen. Es gibt aber auch Dinge, mit denen man besonders Menschen mit Sinnesbehinderungen wie z. B. Seh-Einschränkungen unterstützen kann. So kann man im Eingangsbereich darauf achten, dass Hausnummer, Klingel und Praxisschild gut sichtbar und lesbar sind. Weitere Fragestellungen sind: Kann die Eingangstür leicht geöffnet werden? Gibt es am Fußboden des Kosmetikstudios möglicherweise Stolperfallen? Sind Eingangsbereich und Flur ausreichend beleuchtet? Gibt es allgemein ausreichend Sitzmöglichkeiten? Und verfügen diese über Rücken- und Armlehnen? Stuhllehnen sind sowohl für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wie auch für Schwangere hilfreich. Dann geht es weiter bei der Garderobe. Hier stellt sich die Frage, ob es auch Kleiderhaken gibt, die in der Höhe versetzt angeordnet sind, damit auch Leute, die etwas kleiner sind, ihre Jacken gut aufhängen können. Gibt es einen Stock- und Krückenhalter? Besondere Aufmerksamkeit sollte man auf die Barrierefreiheit des Sanitärbereichs legen. Ist der Bereich gut gekennzeichnet und leicht zu finden? Gibt es auch dort genügend Bewegungsfreiheit? Kann man das Waschbecken z. B. mit dem Rollstuhl gut unterfahren? Sind Seifenspender und Händeabtrockner auch als Rollstuhlfahrer erreichbar und lässt sich die Toilettentür im Notfall auch von außen öffnen?

Frage: Auf die Außenanlage hat man als Kosmetikerin eher wenig Einfluss. Dennoch, wo­rauf könnte und sollte man den Vermieter möglicherweise aufmerksam machen?
Fuhrmann: Hier kann es darum gehen, ob es z. B. Behindertenparkplätze gibt. Ist der Weg vom Parkplatz zum Kosmetikinstitut ausgeschildert? Wie ist der Weg beschaffen? Ist er gut beleuchtet? Gibt es Barrieren, die man beseitigen kann?

Frage: Haben Sie für unsere Leser einen Tipp, wie man Barrieren im Institut erkennen kann?
Fuhrmann: Es hilft schon, wenn man mit offenem Blick durch sein Institut geht. Zusätzlich kann man sich Hilfe holen, indem man den Behindertenbeauftragten seiner Kommune oder den Vertreter eines Behindertenverbandes mit ins Boot holt. Vielleicht haben die Kosmetikerinnen aber auch schon Kunden mit Behinderungen. Diese können wertvolle Informationen dazu liefern, was sie an der Einrichtung stört. Erfahrungsgemäß sind es oft nur Kleinigkeiten, die man mit wenig Aufwand verändern kann, indem man
z. B. ein Möbelstück umstellt.

Wir sind am Ende des Interviews angelangt. Das letzte Wort gehört Ihnen.

Fuhrmann: Eine barrierefrei gestaltete Arbeitsumgebung ist sinnvoll. Wenn man die Arbeitsumgebung inklusiv gestaltet, profitieren davon nicht nur behinderte Angestellte und Kunden, sondern auch Menschen, die durch ihr Alter, eine Erkrankung oder Schwangerschaft beeinträchtigt sind. Indem die Kosmetikerin ihr Studio mit diesen Ansprüchen attraktiv gestaltet, spricht sie zudem einen größeren Kundenkreis an, eine klassische Win-win-Situation.

Weiterführende Informationen zum Thema:

www.kbv.de/barrieren-abbauen.html
www.barrierefreifüralle.de

Zur Person: Dunja Fuhrmann ist beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) in leitender Funktion tätig im Fachteam Barrierefreies Bauen. Darüber hinaus engagiert sie sich als Mitglied im BSK-Bundesvorstand sowie als stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter Saarland. Die 39-jährige Diplom-Sozialpädagogin ist ehrenamtliche Gesamtbehindertenbeauftragte der Landeshauptstadt Saarbrücken und Expertin im Bereich barrierefreie Arbeitsplatzgestaltung.

Der Beitrag ist erschienen in KOSMETIK international 8/2019

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