Müllfrei einkaufen

Müll vermeiden

Jedes Jahr fallen in Deutschland Tonnen an Verpackungsabfällen an. Vieles davon ließe sich vermeiden, wenn man mehr Lebensmittel lose kaufen könnte. Genau das ist bei Antonia Wucknitz im „Unverpackt“-Supermarkt in Karlsruhe möglich.

Schokomuscheln, Dinkel Crunchy, Früchtemüsli: Wer den Blick über die Holzregale schweifen lässt, gerät erstmal ins Staunen: Rund 20 verschiedene Müslimischungen und Flocken stehen hier bereit. Doch nur wer ein Gefäß zum Befüllen hat, kann sich seine Lieblingsmüslimischung zusammenstellen. Schließlich befinden wir uns im „Unverpackt“-Supermarkt in Karlsruhe. „Verpackungsmüll vermeiden, bedarfsgerecht einkaufen und verantwortungsbewusst mit Lebensmitteln und Rohstoffen umgehen“, erklärt Inhaberin Antonia Wucknitz das Konzept.

Zündendes Schlüsselerlebnis

Die Eröffnung ihres „Unverpackt“-Supermarkts im Mai 2016 war für sie „die Lösung all ihrer Probleme“. Seit vielen Jahren schon versuchte die Karlsruherin, möglichst wenig Müll zu produzieren, und packte das Gemüse regelmäßig bereits vor Ort im Supermarkt aus, um zumindest zu Hause so wenig Müll wie möglich zu haben. Ein Schlüsselerlebnis hatte sie aber nach einem Einkauf 2014, als so ein besonders großer Müllberg im Einkaufswagen zurückblieb. „Mein Mann fragte mich mit Blick auf den noch verpackten Reis dann, ob wir beim nächsten Mal jetzt auch noch ein Glas zum Abfüllen mitnehmen sollten. Das brachte mich auf eine Idee.“
Die gelernte Einzelhandelskauffrau recherchierte: Darf man im Supermarkt überhaupt sein eigenes Gefäß mitbringen? Wie funktioniert das? Da­raufhin stieß Antonia Wucknitz auf den Kieler Unverpackt-Supermarkt, der erste dieser Art in Deutschland. Spätestens da stand für sie fest: Sie möchte sich in Karlsruhe mit einem solchen Supermarkt selbstständig machen.

Wiegen, befüllen und bezahlen

Dass sie auf die zweistöckigen Räumlichkeiten am Hauptbahnhof stieß und diese anmieten konnte, erwies sich als echter Glücksfall. Schließlich kommen viele ihrer Kunden mit der Straßenbahn. Die meisten davon haben ihre eigenen Gefäße dabei – das können Gläser, Dosen oder Stoffbeutel sein. Für spontane Kunden gibt es aber auch Behälter zum Kaufen. Dann geht es mit dem Gefäß erst einmal auf die Tara-Waage: Dort lässt man sich entweder ein Etikett mit dem Gewicht des Gefäßes drucken oder schreibt es sich selbst auf. Anschließend wird das Gefäß befüllt. An der Kasse wird dann das Tara-Gewicht wieder abgezogen.

Nudeln, Essig und Co

Das Sortiment von Antonia Wucknitz umfasst neben den bereits erwähnten Müslisorten u. a. auch andere Produkte des täglichen Bedarfs wie Bohnen, Mehl, Kaffee, Tee, Nudeln, Reis, Essig, Öl, Süßigkeiten oder Putzmittel. „Man kann hier seinen Basic-Einkauf machen – auch wenn es nicht alles in einer riesigen Auswahl gibt.“ Aber dafür hat man genau die Menge, die man benötigt und auch verbraucht – und muss nicht etwa zu XXL-Packungen greifen, von deren Inhalt man am Ende die Hälfte wegwirft, weil man zu viel gekauft oder es nicht geschmeckt hat. „Wer für ein Rezept etwa 80 Gramm Kastanienmehl braucht, kriegt die bei mir auch“, so die Inhaberin. Mittlerweile sind etwa 90 Prozent des Sortiments bei „Unverpackt“ Bio-Ware – 20 Prozent mehr als bei der Eröffnung. „Es hat sich herausgestellt, dass die Kunden, die unverpackt einkaufen, auch auf Bio-Produkte setzen.“

Brotaufstriche sind gefragt

Immer wieder passt Antonia Wucknitz ihr Sortiment auch an die Bedürfnisse ihrer Kunden an. So gibt es inzwischen kein Obst und Gemüse mehr. „Die Kunden kaufen dieses lieber auf einem der vielen Märkte, die es hier in der Stadt gibt.“ Dafür ist eine große Nachfrage nach Brotaufstrichen da, weshalb die Inhaberin diese bald in Mehrweggläsern anbieten will.
Bei der Suche nach möglichen Händlern achtet Antonia Wucknitz darauf, dass diese ihre Ware so wenig wie möglich verpacken. „Trockenfrüchte nehme ich nur in Groß-Gebinden von elf bis 15 Kilo an. Körner, Mehl und Reis werden in 25 Kilo-Säcken aus Kraftpapier geliefert.“ Bei einem Lebensmittel produziert sie so sogar gar keinen Müll mehr: „Der Kaffee wird in Edelstahl-Tonnen geliefert. Diese hat der Händler extra für mich angeschafft.“ Dabei setzt die Karlsruherin auf den direkten Austausch. „Wenn etwas ankommt, was unnötig verpackt wurde, dann sage ich das und dann finden wir schon eine Lösung.“ Bei den Händlern achtet Antonia Wucknitz außerdem auch darauf, dass es sich bei ihren Produkten – wenn möglich – um regionale Ware handelt.

Spendersysteme aus Kunststoff

Das Lager für die gelieferten Lebensmittel befindet sich im Keller. Für den Verkauf werden sie in „Bulk Bins“ oder „Gravity Bins“ (dt. „Massen“- oder „Schwerkraftbehälter“) abgefüllt. Diese Spendersysteme aus Hartplastik sind oben und unten durch einen Deckel bzw. eine
Klappe geschlossen, sodass der Kunde mit dem jeweiligen Lebensmittel nicht in Berührung kommt. Eine UV-Beschichtung schützt Getreide, Reis, Nudeln & Co. zudem und hält sie so frisch. Antonia Wucknitz legt bei der Befüllung der Spendersysteme viel Wert darauf, Lebensmittel mit unterschiedlichen Mindesthalt­barkeitsdaten nicht zu vermischen. „Als Kunde will man doch wissen, was man da kauft und nicht darüber nachdenken müssen, dass es vielleicht die alte Charge sein könnte.“ Wenn Produkte abgelaufen sind, gehört es zum ressourcenschonenden Konzept, dass Antonia Wucknitz die Ware nicht wegwirft. Sie spendet ungesüßte und nicht gesalzene Lebensmittel dem Zoologischen Stadtgarten.

Das Angebot richtet sich an alle

Egal, wo man im „Unverpackt“-Supermarkt auch hinschaut: Qualität statt Masse und Verpackungsmüll ist das Motto. Dabei ist es Antonia Wucknitz wichtig, dass vor allem die Basic-Produkte für jeden erschwinglich sind. Ansonsten kann sie vom Preisgefüge her mit einem Bio-Supermarkt mithalten. „Bei manchen Produkten liege ich drüber, bei anderen darunter.“ Manche Kunden kommen täglich, andere nur einmal im Monat, kaufen dafür aber viel ein. Für diese stehen auch ein paar öffentliche Parkplätze zur Verfügung. Und Pendlern bietet Antonia Wucknitz einen ganz besonderen Service: Diese können morgens mit ihren Gefäßen inklusive Einkaufsliste vorbeikommen. Die Inhaberin füllt diese mit den gewünschten Lebensmitteln ab, wenn sie zwischendurch Zeit hat. So kann der Kunde abends seinen Einkauf abholen.
Etwaige Bedenken, dass es unhygienisch sein könnte, wenn sich jeder bei der Ware selbst bedienen kann, kann Antonia Wucknitz klar ausräumen: „Unverpackt“ wird regelmäßig von der Lebensmittelüberwachung und der Bio-Kontrollstelle geprüft. „Und hier gab es bisher keiner­­lei Beanstandungen.“ Neben den Gravity Bins werden Lebensmittel wie Süßigkeiten oder Kürbiskerne in Glasgefäßen mit Deckel gelagert, wo sie mit einer Schaufel oder Zange entnommen werden.

Möglichst nah beim Kunden

Der verpackungsfreie Supermarkt kommt gut an in Karlsruhe. So gut, dass Antonia Wucknitz im vergangenen Jahr sogar eine zweite Filiale im sieben Kilometer entfernten Ettlingen eröffnete. „Die Kunden sollen ja auch keine allzu weiten Wege zurücklegen müssen.“ Diese betreibt ihr Mann, der ihr im Karlsruher Supermarkt von Anfang an eine große Stütze war. Und die nächsten Ziele hat die Karlsruherin auch schon fest im Blick: Zum einen will sie einen Online-Shop anbieten. Zum anderen sollen in ihrem Supermarkt in Zukunft Seminare und Workshops stattfinden. Schließlich ist der ständige Austausch beim Thema „Zero Waste“ das A und O.

Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit im Kosmetikinstitut finden Sie als Schwerpunktthema in KOSMETIK international Ausgabe 8/2018.

Von | Fotos: Nadine Haas/KOSMETIK international

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