Von Eulen und Lerchen

Von Eulen und Lerchen

Wussten Sie, dass es verschiedene Schlaftypen gibt und viele Menschen entgegen ihrem persönlichen Typ arbeiten? Ein Interview mit Schlaf-Coach Christine Lenz.

Frage: Angebote für einen besseren Schlaf scheinen derzeit wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Warum gerade jetzt?
Lenz: Die Zeit ist einfach reif. Als ich vor 20 Jahren anfing, mich mit Schlafmedizin zu beschäftigen, wollte niemand etwas davon hören. Wenn ich Unternehmen Vorträge anbot, hieß es: „Unsere Mitarbeiter schlafen bei sich zu Hause, das ist Privatsache.“  Inzwischen kommen die Unternehmen auf mich zu. Die DAK hat kürzlich einen Bericht veröffentlich, wonach jeder Vierte in Deutschland schlecht schläft, und die Techniker Krankenkasse hat in einer Studie festgestellt, dass es immer häufiger Schlafstörungen gibt. Und dann ging auch noch der Nobelpreis für Medizin 2017 an drei US-Wissenschaftler, die zum Thema Biorhythmus und innere Uhr forschen.

Frage: Schlafen denn die Leute heute so viel schlechter als vor 20 Jahren?
Lenz: Das glaube ich nicht. Das Thema ist eben in der Öffentlichkeit angekommen. Tatsache ist, dass wir im Schnitt eine halbe Stunde kürzer schlafen als etwa in den 1960ern. Das liegt u. a. an den modernen Medien. Heute kann man rund um die Uhr fernsehen oder im Internet surfen. Jeder hat ein Handy, auf dem man seine E-Mails kurz vor dem Schlafengehen noch vom Bett aus checken kann. Auch die „Lichtverschmutzung“ hat im Lauf der Jahre zugenommen. Immer mehr Straßenlaternen und andere Beleuchtungen brennen nachts durch, was den Schlaf beeinträchtigt. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen nächtlicher Exposition mit Licht und Depressionen.

Frage: Spielen noch weitere Faktoren bei Schlafstörungen eine Rolle?
Lenz: Schilddrüsenfehlfunktionen können Schlafstörungen begünstigen. Und Frauen leiden häufig unter Eisenmangel, einem Mitverursacher des Restless Leg Syndroms. Wenn nachts im Bett die Beine wackeln, stört das natürlich den Schlaf. Aber auch Vitamin D-, Kalium- oder Kalzium-Mangel wirkt sich negativ aus. Darum schaue ich mir zu Beginn eines Schlaf-Coachings auch immer erstmal die Blutwerte an.

Frage: Und wie geht es dann weiter?
Lenz: In den Beratungen geht es erstmal darum zu schauen, was eigentlich das Problem ist und wie es entstanden ist. Ich versuche herauszufinden, ob der Kunde oder sein Partner schnarcht. Denn auch das stört den Schlaf – mit oder ohne Atemaussetzer. Außerdem kläre ich ab, ob es in der Familie bereits Leichtschläfer gibt, wann die Schlafprobleme des Kunden anfingen, ob das schon seit der Kindheit so war oder es einen Stressauslöser gab. Dann versuche ich gemeinsam mit dem Kunden herauszufinden, was für ein Chronotyp er ist.

Frage: Welche gibt es denn?
Lenz: Es gibt Lerchen und Eulen, also Früh- und Spätaufsteher. Seit einigen Jahren weiß man, dass das angeboren ist und sich im Lauf des Lebens ein bisschen verschiebt. Teenager z. B. sind phasenweise Eulen, während ältere Herrschaften gerne früher aufstehen. Aber am Grundtyp ändert sich nichts. Die Empfehlung hier ist ganz klar: Wenn ich eine Nachteule bin und spät einschlafe, sollte ich keinen Job machen, bei dem ich morgens um 7 Uhr anfangen muss, weil ich dann nie so gut sein werde, wie ich sein könnte.

Frage: Warum ist regelmäßiger Schlaf so wichtig?
Lenz: Das Immunsystem arbeitet nachts wie wahnsinnig. Schon eine Nacht mit schlechtem Schlaf führt zu einem erhöhten Infektionsrisiko. Und die Gedächtniskonsolidierung leidet darunter. Schnarchende Ehemänner muss man auch nicht akzeptieren. Das kostet die Frauen laut neuesten Studien vier Lebensjahre. Bei Schlafapnoe sind sowohl das Herzinfarkt- als auch das Diabetesrisiko deutlich erhöht. Übrigens gehen 90 Prozent aller Unfälle durch Sekundenschlaf auf Schlafapnoe zurück. Abgesehen von solch dramatischen Konsequenzen leidet auch die Haut unter Schlafmangel. Die Zellen teilen sich neunmal häufiger im Schlaf, die Haut erneuert sich. Darum ist es sinnvoll, nachts reichhaltige Cremes aufzutragen, weil die Wirkstoffe dann besser in die Zellen eingeschleust werden. Menschen mit unregelmäßigem Schlaf, etwa junge Mütter oder pflegende Angehörige, haben oft eine blasse, teigige und schlecht durchblutete Haut. Auch Couperose-Patienten haben nach einer unruhigen Nacht stärkere Symptome.

Frage: Wie kann eine Kosmetikerin solche Erkenntnisse nutzen?
Lenz: Wenn etwa eine Kundin während einer Behandlung von Schlafproblemen berichtet, sollte sie ihr vermitteln, dass gestörter Schlaf gravierende gesundheitliche Folgen haben kann, und sie ermuntern, etwas dagegen zu unternehmen. Sie könnte die Kundin auch fragen, wie häufig sie ans Licht geht – Stichwort Vitamin D – und das Thema Eisenmangel ansprechen. Kosmetikerinnen haben ja häufig ein breites Spektrum an Qualifikationen. Mit einer Weiterbildung in Aromatherapie z. B. könnten sie dahingehend Hilfe anbieten, etwa durch schlaffördernde Duftöle. Die schaden niemandem. Wer in Akupressur geschult ist, kann seinen Kunden zeigen, wie sie ihre Schlafpunkte selbst aktivieren können. Außerdem könnten Kosmetikerinnen sich überlegen, was man rund um das Thema Schlaf anwenden kann, und das bündeln. Etwa den Faszialisnerv im Gesicht durch eine Massage entspannen. Das hilft gegen Zähneknirschen.

Frage: Könnte man auch Angebote gemäß den Chronotypen machen?
Lenz: Ja! Für Lerchen kann man früh am Morgen Termine anbieten und für Eulen am Abend. Das wäre ein schönes Alleinstellungsmerkmal. Man könnte sich in der Werbung auf den Medizin-Nobelpreis 2017 beziehen. Dann kann man sich im Google Ranking damit verknüpfen. Und warum nicht gerade ungenutzte Behandlungsräume proaktiv für Powernappings anbieten und dafür einen kleinen Aufpreis verlangen? Schließlich hat man die Kunden eh schon im Institut. Auch so könnte man sich positionieren. Zumal das Thema Powernapping gerade groß im Kommen ist.

Frage: Sind die Chronotypen nicht auch hinsichtlich der Mitarbeiter von Bedeutung?
Lenz: Auf jeden Fall! In Deutschland gibt es mehr Eulen als Lerchen, was der Arbeitswelt widerspricht. Wenn ich konkret eine Mitarbeiterin habe, die Eule ist, und lasse sie morgens früh auf Kunden los, dann ist sie womöglich grantig, weil unausgeschlafen. Sie könnten doch bis 20 oder 21 Uhr Behandlungen anbieten! Damit böten Sie nicht nur flexible Arbeitszeiten, sondern würden auch Kunden ansprechen, die lange arbeiten und nicht extra für einen Termin freinehmen können. Sie könnten auch Behandlungen mit besonderen Wirkstoffen auf den Abend legen, sodass diese über Nacht besser einwirken können. Ich versuche meinen Kunden immer nahezulegen, gemäß ihres Chronotypen zu arbeiten. Viele Arbeitgeber lassen hier mit sich reden, manchmal  kommt es ihnen sogar entgegen.

Zur Person: Nach Fortbildungen u. a. in Craniosakraltherapie, Meditation und Akupressur gründete Christine Lenz vor fünf Jahren Lenz-Schlaf-Projekte (www.lenz-schlaf-projekte.de). Als Coach, Trainerin und Produktdesignerin berät sie Unternehmen und Privatleute, Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Schlaf und Gesundheitsprävention.

Quelle: KOSMETIK international 1/2018

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